Kelly Clarkson
Ich gehe ja gerne auf Konzerte. Und ich lese auch sehr gerne die dazugehörige Kritik im Feuilleton, falls überhaupt drüber berichtet wird.Ich stehe nicht auf Kelly Clarkson – ganz im Gegenteil. Nicht, dass ihr Sieg bei der ersten Staffel von American Idol sie schon unsympathisch genug machen würde. Ihre Musik ist einfach scheiße.Wie nett, dass auch die F.A.Z. meine Meinung teilt, diese doch auch noch in elegante Worte hüllen kann:
Nicht nur Schlager spenden Trost aus großen Eimern:
Schickt man sich an, ein Konzert der texanischen Sängerin Kelly Clarkson zu besuchen, so erwartet man hier eine munter aufgekratzte Ansammlung von Fans zwischen sechzehn und zweiundzwanzig. Clarkson, selbst fünfundzwanzig, ist die Gewinnerin der ersten Staffel der amerikanischen Castingshow und somit der quintessentielle öffentlich ausgebildete Popstar dieses Jahrtausends. Seit der Sendung hat sie drei erfolgreiche Alben veröffentlicht und sich vom blonden Nachbarsmädchen in ein romantisches Rock-Hühnchen verwandelt, das in letzter Zeit bevorzugt in samtenen Gewalle vor umherliegenden Laub fotografiert wird.
Nachdem sie auf ihrem zweiten Album hübschen Familienpop mit lehrbuchhaften Wettbewerbsgewinner-Balladen kombinierte, liefert die letzte Platte leider nur noch Kinderrock mit hohem „Loudness“-Faktor; alles knapp unter der Oberkante entlangproduziert und akkustisch gleichgeschaltet. Dazu lässt die Sängerin ihre perfekt ausgebildete Stimme zunehmend nur noch auf einem einzigen Energielevel dröhnen. Das Ergebnis: unnuancierte Musik für eine unnuancierte Welt. Aber dass Pop Trost durch Konfektion spendet, gab es schon immer, kein Grund für kulturpessimistisches Geknatsche. Betrachten wir also Frau Clarkson vor dem Hintergrund ihrer selbstgewählten Grenzen – beziehungsweise jener, die ihr das Management absteckt.
Vor dem Kölner Palladium herrscht am Donnerstagabend Ruhe: keine Rumlungerer, keine verzweifelten Kartensucher, keine wartenden Eltern in Autos. Und auch beim Betreten der Halle muss man erst einmal umdenken: Drinnen stapeln sich keinesfalls weinende Teenager. Es sind – vom Mädchenpulk direkt vor der Bühne abgesehen – mehrheitlich allen Trends und Szenen erfolgreich von der Schippe gesprungene Menschen zwischen dreißig und vierzig, die sich in der ordentlich gefüllten Halle eingefunden haben. Mit dem letzten Akkord von AC/DCs „You shook ma all night long“ geht das Hallenlicht aus, und Clarksons Stimme ertönt hinter dem Vorhang.
Mit dem schattierungsfreien Rocksong „One minute“ startet Kelly Clarkson einen Auftritt, der neunzig Minuten lang klarmacht, wozu diese Musik dient: als musikalisches Rückzugsgebiet, vor allen anstrengenden Hipness-Tendenzen und Genre-Explosionen der letzten fünfzehn Jahre. Kelly Clarkson bringt ihr Publikum in Sicherheit vor all dem freilaufenden Wahnsinn, den Nirvana, Oasis, der verrückte R&B, Hip-Hop und die seltsamen Indie-Gestalten seit etwa 1992 veranstaltet haben. Die Referenzpunkte dieser Musik sind ehemalige Mainstream-Stars wie Melissa Etherdige, Bryan Adams oder Robin Beck.
Für einen Casting-Star fällt Clarksons Bühnengebaren dazu erstaunlich – manche würden sagen: erfrischend – schlicht aus. Sie sieht eher aus wie das freundliche Fachpersonal im Internetcafe um die Ecke. Fast schon ängstlich klammert sie sich an ihren Mikrofonständer. Sobald die Musik sich mehr in die Nähe zupackenden Rocks bewegt – und das tut sie häufig -, springt Clarkson rhythmisch auf und ab. Immer wieder brüllt sie unmotiviert „Whooooaaa“ uns salbadert liebenswert uneinstudierte Unsinnsansagen daher: „Das nächste Stück ist mein Lieblingssong“, „Jetzt kommt der Favorit meiner Mutter“, „Das hier ist meine persönliche Lieblingsballade“ et cetera. Das ist im Wesentlichen alles. Erst beim fünften Song „Addicted“ bewegt sich die Sängerin fünf Meter von der Bühnenmitte weg, allerdings nur, um schelunigst wieder zurückzuschlendern. Ihre unterforderten Mitmusiker krümmen sich dazu an ihren Instrumenten, als hätten sie soeben erst erfolgreich das Seminar „Abgehalfterte Rockposen“ absolviert.
Plötzlich senkt sich ein Vorhang hinab. Kurz bekommt man Angst, dass jetzt doch noch etwas Unvorhergesehenes passieren könnte, aber es folgt nur eine Ballade, vermutlich der Lieblingssong der Mutter ihrer Haushälterin. Von etwas wie „Stimmung im Saal“ kann man außerhalb des vordersten Pulks nicht sprechen. Aber niemand hier scheint allzu viel zu erwarten., was sehr gut zu dem technisch perfekten Autohauseröffnungspop passt. Clarksons Auftritt zeigt: Klassischer Mainstream ist zum artenschutzbedürftigen Genre geworden. Und dies wohlgemerkt in einer Zeit, in der kein populäres Genre und kein Musiker mehr Aufrüttelung im Sinn haben. Hier und heute kann man nur sagen: Mission erfüllt.
(aus der F.A.Z. vom 7. April 2008)


Leserbriefe
3 Reaktionen zu “Kelly Clarkson”
Das habe ich vor geraumer Zeit auch schon mal, daß Sarah Connor und dieser Alexander Klaws (Gewinner der ersten DSDS-Staffel) hauptsächlich von Mitt-Dreißigern gehört und gekauft werden. Gegen schlechten Geschmack ist halt kein Kraut gewachsen, deswegen leben ja Künstler wie beispielsweise Ed Harcourt oder And You Will Know Us By The Trail Of Dead in der Nische.
…Wobei man sich über die Qualität von …And You Will Know Us By The Trail Of Dead auch streiten kann. Mir ist es jedenfalls letztes Jahr im Mousonturm zum ersten Mal passiert, dass ich nach ein paar Songs das Konzert verlassen habe, weil ich von der Vorgruppe so geflasht war, dass das eigentliche Konzert nur noch genervt hat. Die CD „Salt“ von Forget Cassettes höre ich seit einem Jahr denn auch immer wieder gern, was ich von Trail Of Dead-Material nicht unbedingt behaupten kann.
mal was anderes die herren, ist das fast komplette aufnehmen eines (durchaus lesenswerten) artikels vom zitatrecht gedeckt oder schlägt da das copyright zu?